Denkmaltopographie Barnim, Bd. 5.1, 1997, S. 109 ff.
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Die Kirche erhebt sich in leicht erhöhter Lage an der Südwestecke des Karl-
Marx-Platzes. Aufgrund ihrer strengen Ost-West-Ausrichtung steht sie
schräg zur Platzanlage.
Die reformierte Gemeinde St. Johannis wurde um 1795 von den damals
nach Eberswalde zugewanderten Schweizer Refugiés begründet. Ihre
Gottesdienste hielt die Gemeinde zunächst in der Hospitalkapelle St. Gertrud
vor dem Obertor ab. 1711 erhielt die wenig bemittelte Pfarrei vom König ein
Grundstück an der Südostecke des Markts geschenkt, auf dem 1717 das
erste eigene Gotteshaus eingeweiht wurde. Diese Fachwerkkirche wies am
Ende des 19. Jh. so große Schäden auf, daß weitere Reparaturen zu
kostspielig erschienen. Da seitens der Stadt Interesse an einem
Kirchenneubau innerhalb des gerade entstehenden westlichen Stadteils
bestand, überließ sie der ab 1830 mit der evangelischen Kirche unierten
Johannis-Gemeinde ein städtisches Baugrundstück am Alsenplatz. 1991
wurde dort der Grundstein gelegt, am 3. 10. 1894 erfolgte die Weihe. Den
Gesamtentwurf lieferte der Kgl. Baurat Robert Thiem, die Detailentwürfe der
Berliner Architekt Milde. Ausgeführt wurde der Bau unter Leitung des
Kreisbaumeisters Düsterhaupt durch die Firma Paul Arendt. 1928/29 erhielt
der Innenraum eine neue Farbfassung. Im Zweiten Weltkrieg kam es zu
erheblichen Beschädigungen; später erfolgten mehrfach Notreparaturen und
1964/65 eine Neugestaltung des Altarraumes nach Entwürfen von
Kirchenoberbaurat Snell aus Potsdam. Ausbleibende Reparaturen führten ab
den 1970er Jahren zu schweren Schäden. 1990 wurde mit umfangreichen
Sanierungsarbeiten begonnen.
Roter Sichtziegelbau in neogotischen Formen. Der Baukörper bestehend
aus hohem Hauptschiff mit steilem schiefergedeckten Satteldach und
Ostchor in 5/8-Schluß, niedrigem nördlichen Seitenschiff mit Portalanbau
und kleinem runden Treppenturm am westlichen Ende sowie einem
hochaufragenden Südostturm mit Pyramidenhelm. Das äußere
Erscheinungsbild von Hauptschiff und Chor geprägt durch paarig
angeordnete Spitzbogenfenster mit jeweils darüberliegendem, großem
Rundfenster. Die Westfassade gegliedert von gotisierenden Putzblenden.
Der stattliche Glockenturm im unteren Teil schlicht gestaltet, im oberen Teil
die Schalluken durch übergiebelte Spitzbogenblenden betont. Der kleinere
Turm an der Nordwestecke als separater Zugang zur Orgelempore angelegt.
Sein Schaft durch umlaufendes Gesims und Spitzbogenfenster
ausgezeichnet; als Abschluß Kegelhelm. Zwischen dem Turm und dem
östlich anschließenden Seitenschiff Portalvorbau; ebenfalls mit Schmuck in
gotisierenden Formen. Das Grundstück umfriedet von schmiedeeisernem
Zaun der Bauzeit. Im Innern originale Gestaltung nur teilweise bewahrt. Das
Hauptschiff mit nach unten offenem Dachwerk; die Dachbalken teilweise
beschnitzt und farbig gefaßt. Das Seitenschiff durch Spitzbogenarkade bzw.
der kreuzrippengewölbte Chor durch Triumphbogen abgegrenzt. An der
Westseite hölzerne, verzierte Orgelempore. Aus der Bauzeit außerdem
Sandsteintaufe, Gestühl, wohl mehrere Glasfenster an den Längsseiten und
Fliesenfußboden. Nennenswert außerdem das ehemalige Altarbild
»Samariterin am Jakobsbrunnen« von Richard Martin, Berlin, und ein
Hängekruzifix mit Kupfercorpus, 1965 von Robert Kahlbaum, Potsdam.
Mit der Johanniskirche erhielt das damals rasant wachsende Gebiet westlich
der Altstadt einen prägnanten städtebaulichen Bezugspunkt in zentraler
Lage. Die besondere stadträumliche Wirkung des reizvoll gestaffelten
Solitärbaus blieb bis heute unverändert erlebbar. Typisch für die
Entstehungszeit ist das an gotischen Vorbildern orientierte, mit den
Einzelformen jedoch frei historisierend umgehende architektonische
Erscheinungsbild der Kirche. Bemerkenswert erscheint dabei vor allem die
durch den knappen Grundstückszuschnitt bedingte Ausführung als
zweischiffige Anlage mit Südostturm und separat erschlossenem
Orgelprospekt.
Quellen: Kreiskirchliches Bauarchiv Literatur: Schmidt, Geschichte, Bd. 1, S.
412-416; 100 Jahre St. Johanniskirche (Festschrift 1994)